Samstag, Oktober 25, 2008
202. Studie: Gewalt immer noch Mittel der Erziehung (in der stationären Jugendhilfe - haben die Autoren vergessen zu bemerken)
ich bin Präsidiumsmitglied des Menschenrechtsvereins Curare e.V., Köln und als solches immer wieder mit Kindern und Jugendlichen, wie deren Eltern in Heimsituationen und Jugendamt beschäftigt.
Ich habe die unten angehängte Presseinfo zugeleitet bekommen und mir auch auf der FH-Seite den entsprechenden Artikel durchgelesen (http://www.fh-dortmund.de/de/news/news/2008/10/Strafe_muss_sein__.php).
Dort wird die Überschrift klarer:
"Empirische Studie zum Umgang mit Sanktionen in Heimen und Wohngruppen
Irritierend und alarmierend: Über die Hälfte der pädagogischen Fachkräfte in Heimen und Wohngruppen ist der Ansicht, dass körperliche Gewalt als Strafe auch noch in der heutigen Heimerziehung vorkommt."
Ihr Artikel ist sehr beachtlich - und er dokumentiert, was wir immer wieder und vermehrt beobachten:
Wir wissen von Fällen, wo man in Heimen und Psychiatrien Kinder und Jugendliche einfach bei strömendem Regen vor die Tür stellte - auch im Winter bei Schnee - sie mit Neuroleptika unbekannter Couleur traktierte - mit Abschiebung nach Sibirien bedrohte und diese ohne richterlichen Beschluss fixiert. Wir dokumentieren gerade, wie ein Jugendamt mit Familienhelfern in eine x-beliebige Familie einbricht, dort alle Menschen in Sippenhaftung bedroht und so mutwillig unter dem Namen "Kindeswohlgefährdung" beginnt die Familie zu atomisieren. Solche Familienhelfer pressen dann die Vorlage eines psychologischen Gutachtens unter Bruch aller datenschutzrechtlichen Bestimmungen bei der Familie ab, diffamieren sie durch eigene Eingaben bei Gericht, hocken in der Küche und halten, kaffeetrinkend, die Menschen von der Arbeit ab, nicht ohne dann in den Berichten zu schreiben, dass die Familie weniger Zeit mit den Kindern verbrächte. Die Kinder haben bei mir angerufen und um Hilfe gebeten. In der Stadt M. in NRW stellen wir noch erstaunlichere Dinge fest: einer Familie wird die Sorge für vier Kinder entzogen, die Kinder sollen wegen Kindeswohlgefährdung mit Gewalt aus der Familie genommen werden. Seit 12/2007 passiert jedoch nichts mit Ausnahme des Colateralschadens, dass ein Junge wegen Mobbings (noch unbewiesen) auf einen Bahnwaggon stieg und so unter Aufsicht des Jugendamtes durch einen Lichtbogen im April zu Tode kam. Drei Kinder sind noch immer bei der Familie. Nun ist ein Gutachter mit der schmutzigen Arbeit befasst durch ein Gefälligkeitsgutachten - schließlich weiss man ja, was das Jugendamt erwartet - die Familie zu "erlegen" - gut dass wir herausfanden, dass er sich mit falschem Doktortitel schmückt. Jedoch, es ist noch nicht zu Ende. Die Väter, auch immer mehr Mütter werden massenweise ausgegrenzt nach Trennung und Scheidung und dadurch werden ebenso die Kinder wieder entwertet, alles unter direkter Aufsicht des Jugendamtes, immer mehr davon landen in Heimen. Ebenfalls sind Ihnen die Klagen der ehemaligen Heiminsassen bekannt. Hier geht es nicht mehr um Kindeswohlgefährdung.
Sie bemerken, dass ich zynisch geworden bin und empört. Die Situation ist für mich am ehesten vergleichbar mit der Situation der Hexenverfolgungszeit. Und dies ist kein drastischer Vergleich, denn Denunziation und Schwimmproben (gingen sie unter, waren sie unschuldig, andernfalls verbrannte man diese) kommen immer mehr an die Tagesordnung. Es stellen sich immer mehr Zustände ein, die nun auch deutlich wurden in der durch Betrug ausgelösten Bankenkrise. Wir haben auch Nachricht bekommen - und warten auf den Beweis - dass Jugendamtsmitarbeiter mit Prämien entlohnt werden für Heim- und Pflegefamilienunterbringungen. Abwegig ist dies nicht, denn Korruption wird doch in jedem Baureferat befürchtet und erwartet.
Ich will Sie dringend, als ernsthaften Forscher, anregen zum Thema zu forschen mit welchen Gewaltmechanismen Familien derzeit behandelt werden und welche Auswirkungen dies hat. Es sollte auch untersucht werden, ob hier mit Mitteln des Mobbings gearbeitet wird (http://www.dr-etzel.de/html/mobbing.html) und welche psychosozialen Folgen dies hat. Sie werden für Ihre jetzige Veröffentlichung noch genügend Prügel beziehen und daran feststellen, wie richtig Sie liegen. Wir werden Sie auch verteidigen, denn wir wissen, dass dies auch in die Tat umgesetzt wird, was Sie beschrieben!
Herzliche Gruesse und vielen Dank für Ihren Mut
Franz J. A. Romer,
Duesseldorf-
http://www.Kindesraub.de/
http://www.Curare-eV.org/
Deutsche Politik: Es reicht nicht, keine Ideen zu haben, man muss auch unfähig sein, diese umzusetzen.
Politique allemande: Il ne suffit pas de manquer d'idées, il faut aussi être incapable de les mettre en oeuvre.
German politics: It is not enough not to have any ideas, you have also to be incapable to realize them.
-----Original Message-----
From: service@idw-online.de On Behalf Of Jürgen Andrae
Sent: Friday, October 24, 2008 3:22 PM
To: service@idw-online.de
Subject: [idw] Studie: Gewalt immer noch Mittel der Erziehung
Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung Fachhochschule Dortmund, Jürgen Andrae, 24.10.2008 15:06
Studie: Gewalt immer noch Mittel der Erziehung
Harte Strafen bringen wenig. Mit Gesprächen, Wiedergutmachungs- und Arbeitsauflagen reagieren Pädagogen, wenn sich Jugendliche in Heimen und betreuten Wohngruppen daneben benehmen. Irritierend: Über die Hälfte der pädagogischen Fachkräfte glaubt, dass körperliche Gewalt als Strafe dort noch vorkommt, so eine Studie der FH Dortmund.
Verbale Aggressionen, Verstöße gegen Gruppenregeln und die mutwillige Zerstörung von Sachen lassen sich junge Leute dort am häufigsten zuschulden kommen. Die Auswirkungen von Strafen sind unterschiedlich und können auch negative Reaktionen wie weitere Aggressionen auslösen.
Dies sind Ergebnisse einer empirischen Studie am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, bei der es um das Thema Strafen in der Stationären Erziehungshilfe ging. Unter Leitung von Prof. Dr. Richard Günder und Prof. Dr. Eckart Reidegeld waren 1280 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Einrichtungen der Stationären Erziehungshilfe in Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu ihrem Umgang mit Strafen befragt worden. Die Rücklaufquote war mit 43 Prozent erstaunlich hoch.
Strafen - in der Fachsprache wird meist der Begriff "Reaktionen auf uner-wünschtes Verhalten" benutzt - sind ein heikles Thema in der Praxis der Er-ziehungshilfe. Die heutige Heimerziehung habe selbstverständlich nichts mehr mit dem Kasernenhofton und der Prügelstrafe der 50er Jahre zu tun, so Prof. Dr. Eckart Reidegeld: "Strafe ist vielmehr eher verpönt bzw. wird sehr kritisch hinterfragt".
Etwa zwei Drittel der im Rahmen der Studie Befragten waren der Auffassung, dass die pädagogischen Fachkräfte oftmals überfordert seien. Zwar meint die übergroße Mehrheit (92 %), dass sie persönlich mit der Strafpraxis gut zurechtkomme. Jedoch fühlen sich 78 % der pädagogischen Kräfte im Zusammenhang mit Strafen gelegentlich alleingelassen, ohnmächtig und hilflos.
Fast die Hälfte der Kinder und Jugendlichen reagiert auf Sanktionen entweder gar nicht oder wiederum mit negativem Verhalten. Haben Strafen dann überhaupt einen Sinn? "Wir gehen als Pädagogen nicht davon aus, dass man in einer straffreien Gesellschaft leben kann", so Prof. Dr. Richard Günder. Aber man müsse sich viele Gedanken darum machen, welche der Sanktionen positive Auswirkungen haben. Es gehe schließlich darum, den Kindern und Jugendlichen zu einer Einsicht zu verhelfen. Günders Fazit: "Strafe muss sein, aber sie muss sehr gut reflektiert sein".
Die Ergebnisse der Studie "Reaktionen auf unerwünschtes Verhalten in der Stationären Erziehungshilfe" waren Diskussionsgrundlage der Fachtagung "Strafe muss sein!?" in Dortmund am 21. Oktober.
Resümee des Forschungsprojektes "Reaktionen auf unerwünschtes Verhalten in der Stationären Erziehungshilfe"
- Häufigste Formen des Fehlverhaltens: verbale Aggressionen (78 %), Ver-stoß gegen Gruppenregeln (67 %), Zerstörung von Sachen (53 %), Gewalt untereinander (35 %), Schulverweigerung (32 %), Alkohol- oder Drogenmissbrauch (26 %), Diebstahl (25 %), Gewalt gegen Mitarbeiter (4 %).
- Die häufigsten Strafen: Reflexionsgespräch /Gruppengespräch (89 %), Wiedergutmachung (84 %), Arbeitsauflagen (57 %), Verstärkerprogramme (51 %), Ausschluss von Aktivitäten (45 %), Hausarrest/Ausgehverbot (44 %), Fernsehverbot (42 %) Teilnahme an bestimmten Gruppen (35 %), Täter-Opfer-Ausgleich (34 %), Taschengeldentzug (29 %) etc.
- "Taschengeldentzug" (mit 29 % relativ beliebt) ist als Sanktion problematisch, weil dies rechtlich unzulässig ist. Die Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass dies bei den Mitarbeitern nicht hinreichend bekannt ist.
- Die Antworten auf die Frage, wie oft nach Meinung der Pädagogen heute noch körperliche Strafen angewandt würden, waren überraschend: 2,4 Prozent meinten, dies komme häufig vor. 51 % glaubten, dass Körperstrafen selten seien, nur 45 % meinten, es gebe sie gar nicht mehr.
- Reaktionen der Jugendlichen auf Strafen: einsichtig (55 %), mit positiver Verhaltensänderung (51 %), aggressiv (41 %), enttäuscht (29 %), traurig (27 %), mit Rückzug (25 %), gar nicht (10 %).
- Strafen können demnach positive, aber auch negative Auswirkungen haben. Fast die Hälfte (45 %) der Bestraften reagiert selten oder nie einsichtig. Bedenklich ist auch, dass 41 % der Befragten der Meinung sind, dass die Bestraften mit weiteren Aggressionen auf Sanktionen reagierten.
- Führt der Ruf nach Strafen zu einem Umdenken in der pädagogischen Praxis? 25 % der Befragten meinen ja, 28 % können dies nach eigener Aussage nicht beurteilen, 45 % sind sicher, dass die politische Diskussion keinen Einfluss auf die pädagogische Praxis haben werde. (Die Erhebung liegt zeitlich vor der öffentlichen Diskussion über Erziehungscamps und Strafstrategien im Kontext der Landtagswahl in Hessen.)
Arten der Pressemitteilung:
Forschungsergebnisse
Forschungsprojekte
Sachgebiete:
Gesellschaft
Pädagogik / Bildung
Politik
Psychologie
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Muss Strafe sein?
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Prof. Dr. Richard Günder
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Dienstag, September 09, 2008
197. Deutschland: Späte Diskussion über "Heimkinder"
In Deutschland hat eine Diskussion über Repression und Ausbeutung in kirchlichen Erziehungsheimen begonnen. Es geht um die Zeit von den Nachkriegs- bis zu den beginnenden siebziger Jahren. Peter Wensierski, der zu diesem Thema ein Buch und einen ausführlichen Artikel in der ZEIT schrieb, sieht die größte Verantwortung bei der katholischen Kirche, da etwas mehr als die Hälfte aller Heime in den frühen Jahren der Bundesrepublik "allein in katholischer Hand" war. Wensierski:
"In den sechziger Jahren drillten staatliche, katholische und evangelische Erzieher Kinder und Jugendliche in rund 3000 Heimen mit mehr als 200.000 Plätzen. Gut die Hälfte der Kinder war zwei bis vier Jahre lang in solchen Heimen. Andere verbrachten ihre ganze Kindheit und Jugend in den oft hermetisch abgeschlossenen Häusern.
Rund 80 Prozent der Heime waren in konfessioneller Hand. Insbesondere die katholischen Frauen- und Männerorden führten jahrzehntelang zahlreiche Erziehungsanstalten. Sie hießen »Zum Guten Hirten« oder waren nach Heiligen und Ordensgründern benannt: Don-Bosco-Heim, St. Vincenzheim, St. Hedwig oder Marienheim.
Heute leben aus dieser Zeit noch mindestens eine halbe, wahrscheinlich aber sogar mehr als eine Million Menschen unter uns, die zwischen 1945 und 1975 in den westdeutschen Heimen groß wurden. Sie sind jetzt zwischen 40 und 65 Jahre alt. Doch seltsam: In einer aufgeklärten Gesellschaft, die scheinbar keine Tabus mehr kennt, ist es für viele von ihnen bis heute nicht möglich, darüber zu sprechen. Selbst nahen Angehörigen offenbaren sie sich mitunter nicht – aus Scham. Sie fürchten sich vor dem diskriminierenden Etikett »Heimkind«, als hätten sie im Zuchthaus gesessen."
Reformen in deutschen Erziehungsanstalten kamen erst zu Beginn der siebziger Jahre in Gang. Auslöser war die - an vorderster Stelle mit den Namen Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin verbundene - Heimkampagne der APO, darunter die Befreiungen von Heimkindern im Sommer 1969 und die Besetzung des Büros des Frankfurter Jugendamtsleiters. Die ihm abgerungenen vier Wohnkollektive wurden zum Vorbild der heute üblichen "betreuten Jugendwohngemeinschaften".
Zunächst: kirchliche Gesprächsverweigerung
Während in den USA, Kanada und Irland ehemalige Opfer ein "Recht auf Entschuldigung und Wiedergutmachung" erkämpft hätten, steht die deutsche Auseinandersetzung noch am Anfang. Wensierski:
"Sollten auch die deutschen Heimkinder solche Ansprüche anmelden, müssen sie sich wohl auf einen schweren Kampf gegen die Institution Kirche einrichten. Bei der Deutschen Bischofskonferenz, den Ordensgemeinschaften, bei Caritas und Diakonie weiß man fast nichts darüber, was jahrzehntelang in den konfessionellen Heimen geschehen ist. Man wollte es wohl nicht wissen. Beschwerden wurden meist abgeblockt.Die von Wensierski dokumentierten Fälle zeigen eine Praxis letztlich strafrechtsrelevanter Repression: ständiges Prügeln, wochenlanges Wegsperren in bisweilen fensterlosen "Besinnungsräumen" mit Pritschen ohne Matratzen, Unterbinden des Kontakts zur Außenwelt. Die dokumentierten Anlässe von Heimeinweisungen im Deutschland der Wiederaufbaujahre erscheinen heute nichtig: "Arbeitsbummelei", Elvis Presley laut im Radio hören, tanzen gehen und über Nacht wegbleiben. In der jungen Bundesrepublik regierte von 1949 bis 1967 die CDU.
Kein Orden, der Kinderheime unterhielt, hat je eine kritische Untersuchung der dort praktizierten Erziehung veröffentlicht. Die Jubiläumsbroschüren der konfessionellen Heime zum 75- oder 100-jährigen Bestehen überspringen in der Regel diese Zeit. Dabei exekutierten viele Heimleiter und Erzieher nach 1945 zunächst wenig verändert und unreflektiert eine um die Jahrhundertwende ausgeklügelte und vom NS-Regime fortentwickelte Straf- und Besserungspädagogik. Mehr als zwei Jahrzehnte lang interessierte kaum jemanden, was hinter den dicken Mauern geschah."
Über Heimeinweisungen entschieden Einzelrichter
Sie entschieden über in der Regel zwei- bis vierjährige Wegsperrungen 14- bis 21-Jähriger zumeist nach der Aktenlage der Jugendämter, ohne die Betroffenen gesehen zu haben. Die Feinde der Jugendfürsorge hießen "Sexualität" und "Verwahrlosung". Sehr oft wurden Kinder von AlleinerzieherInnen eingewiesen, wobei in den kirchlichen Heimen eine uneheliche Geburt als besonderer Makel galt.
»Wir waren jugendliche Zwangsarbeiter«
Konfessionelle Erziehungsheime haben Tradition darin, Sexualität, "Verwahrlosung" und den "Makel" unehelicher Geburt mit Arbeit zu bekämpfen. In ganz Deutschland wurden Heimkinder als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Zehnstundentage und 48-Stundenwochen scheinen in den Erziehungsheimen der beiden großen christlichen Kirchen nicht selten gewesen zu sein. Die Kinder und Jugendlichen arbeiteten in der Regel unentlohnt oder gegen ein minimales Taschengeld; sie waren jedenfalls in der Regel nicht sozialversichert. Eine Spätfolge bei mehrjährigem Heimaufenthalt: mehrjährige Lücken im Versicherungsverlauf.
Die Diakonie Freistatt bei Diepholz etwa war von Beginn an als reiner Wirtschaftsbetrieb mit billigen (männlichen) Arbeitskräften konzipiert; die 14- bis 21-Jährigen arbeiteten in Schlossereien, Schmieden, und winters wie sommers im Moor, um Torf zu stechen und zu pressen (Bild).
"Aufstehen mussten die Jugendlichen morgens um sechs. Strammstehen zum Morgengebet. Dann waschen, ein hastiges Frühstück, Einteilung zur Arbeit. Mittags gab es nach fünf Stunden die erste Pause. Am Nachmittag noch eine kurze Kaffeepause, es gab »Muckefuck«. Bis zu zehn Stunden schuftete die damals 15-Jährige unbezahlt im immer gleichen Takt. Am Samstag mussten sie und die anderen bis mittags arbeiten. Selbst sonntags wurden noch »in der Freizeit« Taschentücher zum Verkauf in der Nähstube umhäkelt.
Bei der Arbeit herrschte Sprechverbot, nur Marienlieder waren erlaubt. »Mein Platz war an der großen Heißmangel. Das stundenlange Stehen in großer Hitze – selbst im Sommer ohne zusätzliche Getränke –, das ständige Falten riesiger Bettwäsche ließ sämtliche Glieder schmerzen. Die Kolonne trottete abends schweigend durch die Gänge zurück wie geprügelte Hunde.« [...] Die hauseigene Großwäscherei war für die Vincentinerinnen offenbar ein lukratives Geschäft. Die Arbeit bringe, so schrieb 1962 der Dortmunder Kirchliche Anzeiger ganz offen, »um die Steuerzahler etwas zu beruhigen«, einen »nicht unerheblichen Teil« der Kosten ein. Hotels, Firmen, Krankenhäuser und viele Privathaushalte zahlten gut – und fragten nicht, wer da fürs Reinwaschen missbraucht wurde. »Die Kunden bekamen uns nie zu sehen, es gab extra einen Abholraum, zu dem war uns der Zutritt streng verboten«, erzählt Gisela. Lohn gab es so wenig wie Taschengeld – mithin auch keinen Rentenanspruch für die Heimjahre. »Wir waren jugendliche Zwangsarbeiter«, sagen ehemalige Heimkinder heute verbittert."
Beginnende Problemeinsicht der christlichen Kirchen?
Wie DER SPIEGEL in einer aktuellen Notiz im Deutschland-Panorama berichtet, sind nunmehr sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche durch den hessischen Landeswohlfahrtsverband "unter Erklärungsdruck" gekommen.
Der Landeswohlfahrtsverband Hessen entschuldigte sich bei ehemaligen Heimkindern. Der einstimmige Beschluss der Verbandsversammlung vom 5. April 2006 im Wortlaut:
"Der Landeswohlfahrtsverband Hessen erkennt an, dass bis in die 70er Jahre auch in seinen Kinder- und Jugendheimen eine Erziehungspraxis stattgefunden hat, die aber aus heutiger Sicht erschütternd ist. Der LWV bedauert, dass vornehmlich in den 50er und 60er Jahren Kinder und Jugendliche in seinen Heimen alltäglicher physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt waren.
Der Landeswohlfahrtsverband spricht sein tiefstes Bedauern über die damaligen Verhältnisse in seinen Heimen aus und entschuldigt sich bei den ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern die körperliche und psychische Demütigungen und Verletzungen erlitten haben.
Der Landeswohlfahrtsverband Hessen wird sich weiterhin offensiv mit diesem Kapitel seiner Vergangenheit auseinandersetzen und sich den Fragen und Unterstützungsersuchen ehemaliger Bewohnerinnen und Bewohner stellen sowie die in seinen Möglichkeiten liegende Unterstützung leisten."
Von: Landeswohlfahrtsverband Hessen - Ehemalige Heimkinder
Wie DER SPIEGEL berichtet, sind in Hessen die Einrichtung einer Forschungs- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder sowie eines Museums zur Geschichte der Heimerziehung geplant; der Bundestag plant mit Unterstützung seines stellvertretenden Vorsitzenden Wolfgang Thierse (SPD) und der Abgeordneten Marlene Rupprecht (SPD) eine Anhörung Betroffener. Nun beginnen die Kirchen zu sprechen: "Wenn dieses Unrecht nicht beim Namen genannt wird, dann wird die Würde der betroffenen Menschen heute genauso verletzt wie damals", so der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber. Er hat das Diakonische Werk aufgefordert, die Archive zu öffnen und die Aufarbeitung voranzutreiben.
Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, befürwortet die "Aufarbeitung der Geschehnisse" und distanziert sich von "falsch verstandener Pädagogik", will die Heime jedoch nicht unter einem Generalverdacht wissen. ("Späte Reue". In: DER SPIEGEL 16/2006 vom 15.4.2006, S. 22).
Henriette Mayr
- Peter Wensierski: Das Leid der frühen Jahre, in: DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7.
- Der ZEIT-Artikel erschien einige Wochen vor Wesnierskis Buch zum gleichen Thema: Schläge im Namen des Herrn.
- Landeswohlfahrtsverband Hessen - Ehemalige Heimkinder
- Fotos (Ausschnitte): Diakonie Freistatt: Die Wahrheit ueber Kinderzwangsarbeit in Deutschland | The truth about forced unpaid child slave labour in Germany
Kommentar - Martin Mitchell - 04.06.2006:
Martin Mitchell, ehemaliges Heimkind westdeutscher Fürsorgehöllen der 1960er Jahre, schrieb dazu (und seine eigene Leidensgeschichte ist jetzt auch online):
Damalig in Westdeutschland begangenes UNRECHT aufarbeiten und die Opfer entschädigen !!!
[ Damalig in Westdeutschland (sowohl wie auch in Österreich und der Schweiz!) begangenes UNRECHT aufarbeiten und die Opfer entschädigen !!! ]
Ein sehr wichtiger und umfangreicher Artikel verfasst (am 12.04.2006) von Herrn Michael-Peter Schiltsky (in seiner Kapazität als Vereinsberater, im schon am 14. Oktober
Weiteres zum Thema auch:
- "Heimkinder-Ueberlebende.org" (die umfangreichste und informativste Webseite zu diesem Thema im Internet, betrieben von einem Betroffenen, der heute in Australien lebt),
- "Schläge im Namen des Herrn" (SPIEGEL-Buch Autor Peter Wensierskis Home-Page),
- "Erwachsene misshandelt als Kinder" (die Webseite einer heute in der USA lebenden, damalig in Westdeutschland Betroffenen),
- "Die zerstörte Kindheit" (ein Betroffener klagt an),
- "Pippin der Kleine" (eine Betroffene klagt an den ORDEN DER RECHTHABENDEN),
- "Gestohlene Kindheit" (ein Buch von Alexander Markus Homes),
- "Heimerziehung: Lebenshilfe oder Beugehaft? Gewalt und Lust im Namen Gottes" (ein Buch von Alexander Markus Homes),
- "Misshandelte Zukunft" (ein Buch von Harry Gräber),
- "Mundtot" (ein Buch von Jürgen Schubert)
- und auf der Webseite eines sehr engagierten deutschen Politikers (Webseite von SPD Landtagsmitglied Brandenburg und Theologe Andreas Kuhnert).
Martin Mitchell | 04.06.06 07:43